Fortschritt: Erst die Umsetzung macht den Unterschied

Die Kluft zwischen dem State of the Art und der technisch-infrastrukturellen Realität wabert als sich ausdehnendes schwarzes Loch durch den deutschen Klinikkosmos. Gierig verschlingt es täglich Potenziale und Möglichkeiten. 

Der im Gesundheitswesen weit verbreitete Reflex, ausgerechnet an der vermeintlich patientenfernen Infrastruktur und Technik zu sparen, erinnert an die Metapher vom Bauern, der seine Sense nicht schärfen kann, weil er ja mähen muss. Will sagen: Technik ist unverzichtbare und strategisch bedeutsame Voraussetzung für eine effiziente und sichere Patientenversorgung. Wollen Kliniken besser werden, müssen neue Technologien und innovative Ideen sehr viel schneller ihren Weg in den komplexen Betrieb finden. Verdrängte Risiken wie Blackouts, No-Water und andere Krisenszenarien tröten indes als sprichwörtliche rosa Elefanten aus beinahe jeder Klinik. Was also tun, wenn es an allen Ecken und Ende fehlt?

Prof. Jochen Werner ist in guter Gesellschaft, wenn er in seiner Keynote wettert: „Ich habe die Faxe(n) satt.“ Nicht nur im Gesundheitswesen müssten wir endlich ins Handeln kommen. Keine einzige Idee oder Innovation habe je die Welt verändert. Erst mit der Umsetzung entfalten neue Technologien und Lösungen ihre Wirkung und hier ist nicht zuletzt, aber insbesondere in der Gesundheitsbranche Luft nach oben – viel Luft! Gerade in diesem sensiblen Bereich sollte es vorranging um die (gute) Sache und nicht in erster Linie um Geld, Prestige und Macht gehen, betonte Werner.

Fortschritt geschieht technisch

Unter dem Motto „Innovation managen – weil Gesundheit die beste Technik braucht“ beleuchtete die 7. Fachmesse Krankenhaus Technologie mit Fachtagung Technik im Gesundheitswesen am 30.9. und 1.10. in Gelsenkirchen, was und wie Technik zu einem leistungsstarken Gesundheitswesen beitragen kann und muss. Die Antwort lautet kurz und knapp: sehr viel und Entscheidendes. Mit Blick auf steigende Energiepreise, zunehmende Risiken durch den Klimawandel und die aktuelle geopolitische Lage lässt sich die strategische Bedeutung von Technik für einen erfolgreichen Klinikbetrieb nicht länger hinter medizinischen Notwendigkeiten kaschieren. Technik ist eine medizinische Notwendigkeit - egal ob es um Effizienz, Nachhaltigkeit, Resilienz, Qualität oder Sicherheit geht.

Grenzen sprengen

„Fehlendes Geld und Personal hemmen die Innovationskraft.“ Dieser Glaubenssatz erschwert Fortschritt im Gesundheitswesen – seit Jahrzehnten! Der Buchautor und Gedächtnistrainer Markus Hofmann, der in Gelsenkirchen sein Programm „Brain Evolution“ präsentierte, lässt diese zementierte Legitimation für den Raubbau an der Substanz bröckeln, wenn er dazu aufruft, gedachte oder vermeintliche Grenzen zu sprengen. Dazu müsse man freilich die Komfortzone der Weltmacht ICH verlassen und sich auf den Weg machen: effizienter, nachhaltiger, digitaler, resilienter zu werden und disruptive Technologien, die unsere Arbeits- und Lebensrealitäten unweigerlich umkrempeln werden, als Chance zu begreifen.

Menschlich bleiben

Wie wir uns hier als Menschen neu positionieren können und müssen? Empathie, eine gute Kommunikationsfähigkeit, Humor, Erfahrung und vor allen Dingen ein waches und kritisches Urteilsvermögen sind Skills, die uns von unseren algorithmisch gesteuerten Kollegen abheben. Gefragt seien künftig in erster Linie analytisches und kreatives Denken sowie Generalistentum. Wir Menschen sollten möglichst breit aufgestellt sein. Das Reproduzieren von Wissen übernimmt die KI. Und dennoch sollten wir uns ein solides Grundwissen bewahren. Denn: „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ KI neige nicht nur zum Fabulieren, sondern auch zum Weglassen. Wer, wenn nicht der Mensch könnte und müsste also die KI hinterfragen und anleiten?

Überlegene Technologien nutzen

Apropos hinterfragen:  sehr viel Halbwahrheiten oder Unwissen kursiere derzeit zur Energiewende, wie der Verfasser des Titels „Strom“ und Energieberater Dr. Tim Meyer anhand zahlreicher Zahlen und Statistiken eindrucksvoll darlegte. Sie zeigten vor allem eins: Der Siegeszug von Elektrizität als universellem Energieträger ist nicht aufzuhalten. Das sei nicht politisch gesteuert, sondern den Vorteilen dieser überlegenen Technologie geschuldet. Höchste Zeit also, auch hier von den vielfältigen Möglichkeiten zur Umsetzung zu kommen.

Krisensicher werden

Helfen können uns die zunehmend dezentrale, regenerative Erzeugung von Energie und der enorme Zuwachs von Speicherkapazitäten nicht zuletzt dabei, ein, wie das legendäre Damoklesschwert über uns hängendes, Krisenszenario zu verhindern oder zumindest besser zu bewältigen: einen länger anhaltenden großflächigen Stromausfall, so die Definition eines Blackouts. Wie unzureichend nicht nur viele Kliniken, sondern wir alle auf ein solches Szenario vorbereitet wären, offenbarte die Keynote des internationalen Krisenvorsorgeexperten Herbert Saurugg. Nur wenn jeder einzelne von uns mit einem Lebensmittelvorrat für zwei Wochen, batteriebetriebenen Leuchtmitteln und vielen anderen nützlichen Gegenständen (lesen Sie dazu hier mehr) für diesen Ernstfall Vorsorge trifft, und darüber hinaus im Vorfeld geklärt hat, wer sich während der eigenen Abwesenheit um Kinder, pflegebedürftige Familienmitglieder oder auch Haustiere kümmert, könne man im Krankenhaus mit einer ausreichenden Personalverfügbarkeit rechnen, um die Ausnahmesituation auch dort zu bewältigen. Zentrale Themen sind hier neben einer Notstromversorgung aller wichtigen Anlagen - das sind weit mehr als die Norm vorgibt - die Aufrechterhaltung der Kommunikation sowie die Wasserver- und -Entsorgung. Das Wiederhochfahren der Systeme nach einem längeren Stromausfall bedürfe ebenfalls besonderer Vorbereitung. Durch die Tiefenentladung sensibler Technologien sei hier mit Ausfällen und Anlaufschwierigkeiten zu rechnen.

„Was sie nicht selbst haben, haben Sie nicht“, betonte auch Jürgen Bätz, Projektleiter und Schulungsreferent bei Veolia Water Technologies, im Workshop „NOWATER“. Kaum ein Krankenhaus sei für dieses gar nicht so abwegige Szenario, das bei einem Stromausfall unweigerlich mit eintrete, aber auch für sich geschehen könnte, gewappnet. Wichtig seien in diesem Fall insbesondere Wasserpuffer, also entsprechende Behältnisse, oder Wasserquellen wie eigene Brunnen. Selbst nahe gelegene Teiche können - mit einer guten Wasseraufbereitung - genutzt werden. Das Personal müsse wissen, was bei einem Ausfall der Wasserversorgung zu tun ist. Geübt werde dieses Szenario jedoch so gut wie nie. Denn: Die Vorbereitung darauf sei komplex und teuer.

Zwischen Alltagsbewältigung und Innovationsleistung

Die handfesten und sehr konkreten Workshops, in denen elektrische Sicherheit, CAFM, Energiedaten und -Effizienz, Resilienzpläne, Kanalsanierung und viele andere Alltagsthemen der Krankenhaustechnik behandelt wurden, waren auf der diesjährigen Fachtagung Technik im Gesundheitswesen durchmischt mit Vorträgen zur für alle Krankenhäuser zwingenden Innovationsleistung durch die Nutzung von KI, Robotik, Automatisierung und anderen neue Technologien wie Drohnen, …. Technikmanager müssen beides unter einen Hut kriegen: Den laufenden Betrieb sicher und ihre Kliniken in die Zukunft führen.

Eine neue Welt

Wie sehr sich diese Zukunft von unserer heutigen Lebenswirklichkeit unterscheiden wird, zeigte nicht zuletzt die Keynote von Dr. Sven Jungmann, der in Claude längst einen zuverlässigen Berater gefunden hat, wenn es darum geht, den Klinikbetrieb zu optimieren. Mit Daten untermauert Claude, was bisher oft nur aus dem Bauch heraus entschieden werden konnte, und vergleicht alternative Vorgehensweisen und Methoden. Doch auch Jungmann betont, wie wichtig es ist und bleibt, die KI immer wieder kritisch zu hinterfragen. 

Wie sie uns helfen kann, nachhaltiger und effizienter zu werden, zeigte so manches vielversprechendes Startup, die erstmals das Ausstellungsprogramm auf der Messe ergänzten. Großes Thema war hier nicht zuletzt Robotik. Für klar definierte Aufgaben wie Bodenreinigung oder Transport sind spezialisierte mobile Roboter bereits am Start. Diffuser sind dagegen die Einsatzgebiete von Humanoid-Robotik. Auch die Patientenaufnahme und Erstanamnese erfolgen in ersten Häusern bereits automatisiert. Und mit Big Data kommen wir hoffentlich vor die Welle. Nicht Reparatur, sondern Prophylaxe beherrscht dann im Idealfall unser Gesundheitssystem, in dem Technik die ihr zugemessene Rolle spielt. Zugeben, das ist jetzt eine Utopie – aber eine schöne.

Maria Thalmayr