FKT-Online-Seminar: „Klinikneubau in Lörrach – Erfahrungen aus einem 343-Millionen-Projekt“

Um möglichst unabhängig von einer Energieversorgung über Gas zu werden, wird derzeit geprüft, ob die bisher angedachte Versorgung über Brunnen für das neue Zentralklinikum des Landkreises Lörrach ausgeweitet und komplett auf Niedrigtemperaturen umgestellt werden kann.

Neben den Herausforderungen, die eine solche Großbaustelle immer mit sich bringt, müssen die Verantwortlichen hinter dem Großprojekt auf die aktuellen Entwicklungen nochmals unter besonderem Fokus reagieren: Die wegen der Ukrainekrise enorm gestiegenen Gaspreise, einhergehend mit einer unsicheren Versorgungslage veranlassten die Bauherren, ihr Energiekonzept nochmal neu zu denken -in der Realisierungsphase.

Flexibel bis zur Schlüsselübergabe

Details neu und anders zu planen, sei bei Bauvorhaben dieser Größenordnung an der Tagesordnung – bis zur Inbetriebnahme. Dass jedoch eine Energieversorgung komplett neu und wie in diesem Fall auf eine Niedertemperaturheizung umgeplant werden soll, sei in der Errichtungsphase schon eine echte Challange, räumte Sabine Bommel beim FKT-Online-Seminar „Klinikneubau in Lörrach – Erfahrungen aus einem 343-Millionenprojekt“ ein. Auch auf die Preissteigerungen bei den Baumaterialien hat Projektleiter Thorsten Stolpe schnell reagiert und seine Kalkulation entsprechend angepasst. 3,5 %/anno für den Baupreisindex werden künftig nicht mehr reichen. 6 % seien da realistischer, führte die Leiterin des Bereichs bauliche Ziel- und Masterplanung bei der Endera Gruppe, die die Bauherrenbetreuung für das Projekt übernommen hat, weiter aus.

Flexibilität ist in dem Projekt ein zentrales Kriterium. So wurde das Gebäude in den Sockelgeschossen in einem Raster von 7,50 Meter mal 7,50 Meter konzipiert, das im künftigen Betrieb eine schnelle und problemlose Umnutzung der Immobilie ermöglicht, wie Torsten Petroschka, Geschäftsführer bei a|sh architekten, die dem Projekt als Generalplaner zur Seite stehen, erörterte. Multifunktionale Räume ermöglichen darüber hinaus deren flexible und vielseitige Nutzung. „Kein Zimmer soll den größten Teil des Tages leer stehen“, so Petroschka. Um unnötige Investitionen in gebaute Kapazitäten zu vermeiden, wurden im Vorfeld Prozesse und Abläufe simuliert. Raum, Personal- und Zeitkapazitäten wurden so in ein optimales Verhältnis gebracht und, wo möglich, Abläufe optimiert.

Kommunikation ist alles

Als einzigartig erleben die mehr als 100 Projektbeteiligten die Zusammenarbeit auf dieser Großbaustelle, die vier Klinikstandorte in der Region – darunter auch ein konfessionelles Haus – zu einem neuen Zentralklinikum vereint. 2012 wurden dazu die ersten Gespräche geführt und viele Lösungsvarianten geprüft. Letztes Jahr war Grundsteinlegung und 2025 soll das neue Fusionskrankenhaus in Betrieb gehen: mit knapp 90.000 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche, 677 Betten und weiteren tagesklinischen Einheiten.

Damit alle Projektbeteiligten jederzeit auf dem aktuellen Stand sind und kein Wissen verloren geht, erfolgt die komplette Dokumentation zum Bauprojekt auf einem für alle zugänglichen und als Single Source of Truth dienenden Poolarserver. Und damit die Zahnräder ohne das kleinste Sandkörnchen ineinandergreifen wurden Schnittstellenlisten für alle Leistungsphasen klar definiert sowie ganz wichtig: Entscheidungsträger benannt. Bei den regelmäßigen Bauherrn-Meetings gilt die Devise „Offenheit“: Erfahrungen, die die Projektbeteiligen aus anderen Vorhaben mitbringen, werden ebenso bereitwillig angehört wie Probleme oder Fehler. Je früher man davon erfährt, umso leichter lassen sie sich beheben, sagt Petroschka. Überaus hilfreich sei es außerdem, wichtige Ansprechpartner wie die Feuerwehr, den Arbeitsschutz oder auch Behindertenbeauftrage frühzeitig in die Planung mit einzubeziehen.

BIM 2 FM

Building Information Modeling (BIM) sei kein Selbstläufer und immer nur so gut wie die Menschen, die die Methode anwenden, räumt Petroschka ein. Zweifellos leiste das digitale Planen und Bauen jedoch bei der Entstehung des neuen Zentralklinikums des Landkreises Lörrach wertvolle Dienste. So manches Problem, das wir früher auf der Baustelle lösen mussten, deckt BIM mit Hilfe der Kollisionsprüfungen schon im Vorfeld auf. Es sollte aber auch allen klar sein, dass nicht jeder Schreiner schon in der Lage ist, die entsprechenden Tools zu bedienen. Einen echten Mehrwert bieten 3D-Modelle für die Visualisierung des Geplanten und von Funktionsabläufen für die späteren Nutzer, die in Lörrach bei der Entwicklung ihrer künftigen Arbeitsplätze sehr federführend mitgewirkt haben. Die BIM-Daten sollen insbesondere im Bereich der TGA als as built in der Leistungsphase 8 an die späteren Nutzer übergeben werden. Das heißt sie können unter anderem die kompletten TGA-Daten für den späteren Betrieb übernehmen.

Zentrale Organisation

Als sehr effizient und praktikabel erweise sich die zentrale Baustellenorganisation über einen Baulogistiker, der Themen wie Müllentsorgung, die An- und Abfahrt von Baustellenfahrzeugen und vieles mehr für alle vorab und einheitlich regelt. Die Einhaltung des Zeitplans werde das sicher enorm begünstigen ebenso wie ein Lean-Management auf der Baustelle. „Bisher liegen wir damit perfekt in unserer Time-Line“, schließen Petroschka und Bommel stolz.

Maria Thalmayr

Hier geht es zur Präsentation

Hier geht es zur Aufzeichnung

Bild von aIsh architekten GmbH / Kliniken des Landkreises Lörrach