Energieversorgung: Der am stärksten gefährdete Bereich eines Klinikums

Der Sabotagefall in Berlin ist ein warnendes Beispiel für die Verwundbarkeit kritischer Energieinfrastruktur. Was dort im großen Maßstab geschehen ist, kann sich im kleinen jederzeit auch innerhalb eines Klinikums ereignen. Die Energieversorgung ist nicht nur der wichtigste, sondern auch der wirkungsvollste Angriffspunkt und zugleich häufig der am wenigsten geschützte. Ihre Absicherung ist keine rein technische Aufgabe, sondern strategische Verantwortung der Klinikleitung.

Die Energieversorgung wird primär als technisches Thema verstanden und organisatorisch der Gebäudetechnik zugeordnet. Die sicherheitsstrategische Bedeutung einer zuverlässigen Energie-Infrastruktur für den Gesamtbetrieb eines Klinikums, die Patientensicherheit und die Krisenresilienz wird vielfach unterschätzt. Energieversorgung ist weit mehr als eine unterstützende Funktion, sie ist zentrale Voraussetzung für den gesamten Klinikbetrieb. Nahezu alle medizinischen, logistischen und sicherheitsrelevanten Prozesse sind unmittelbar von ihr abhängig:

  • lebenserhaltende Medizintechnik
  • OP- und Intensivbetrieb
  • Lüftungs-, Druckhaltungs- und Klimasysteme
  • Aufzüge, Schleusen, automatische Türen
  • interne Logistik und Kommunikation
  • Wasserver- und Entsorgung, …

Ein Ausfall wirkt nicht punktuell, sondern gleichzeitig auf nahezu alle Funktionsbereiche. Er ist nicht skalierbar und lässt sich nicht isoliert „abfangen“. Selbst kurzfristige Unterbrechungen führen zu unmittelbaren medizinischen, organisatorischen und reputativen Folgen.

Der Berliner Sabotagefall offenbart die Sicherheitsrelevanz

Wie verwundbar Energieinfrastruktur selbst in hochentwickelten urbanen Räumen ist, hat der Stromausfall in Berlin deutlich gemacht. Dort wurden Versorgungsleitungen gezielt in Brand gesetzt und damit bewusst sabotiert. In der Folge waren rund 45.000 Haushalte zeitweise ohne Stromversorgung. Sicherheitstechnisch ist dieser Vorfall deshalb besonders relevant, weil er zeigt: Der Ausfall wurde nicht durch außergewöhnliche Naturereignisse oder technische Alterung verursacht, sondern durch einen absichtlichen, vergleichsweise einfachen Eingriff in unzureichend geschützte Infrastruktur. Überträgt man dieses Ereignis auf ein Klinikum, wird die Dimension deutlich. Was im städtischen Kontext zu erheblichen, aber letztlich beherrschbaren Einschränkungen führt, hätte im Krankenhausbetrieb unmittelbare medizinische Konsequenzen. Der Maßstab ist kleiner – die Auswirkungen sind jedoch potenziell gravierender.

Die Risikologik der Sabotage

Aus Sicht eines Täters bietet die Energieversorgung eines Klinikums mehrere Eigenschaften, die sie besonders angreifbar machen:

  • hohe Systemabhängigkeit des gesamten Betriebs
  • maximale Wirkung bei minimalem Eingriff
  • geringe Notwendigkeit detaillierter Fachkenntnisse
  • keine direkte Konfrontation mit Personal oder Patienten

Im Gegensatz zu medizinischen Bereichen ist kein Wissen über klinische Abläufe erforderlich. Es genügt, die Energiezufuhr zu stören, um einen flächendeckenden Effekt zu erzielen. Der Berliner Fall zeigt, dass Sabotage an Energieinfrastruktur keine komplexen Mittel erfordert. Auch im Klinikbereich sind typische Schwachstellen bekannt:

  • frei zugängliche oder schlecht gesicherte Leitungsabschnitte
  • Technikräume mit unzureichender Zutrittskontrolle
  • fehlende bauliche Trennung von Normal- und Notversorgung
  • geringe soziale Kontrolle in Untergeschossen und Nebentrakten

Der Aufwand für einen Eingriff ist gering, die Eintrittsschwelle niedrig. Genau darin liegt das Risiko. Die Wirkung einer sabotierten Energieversorgung entfaltet sich im Klinikum unmittelbar:

  • Unterbrechung lebenserhaltender Systeme
  • Stillstand von OP- und Intensivbereichen
  • Einschränkung von Evakuierung und Rettung
  • Eskalation zur medizinischen und organisatorischen Krise

Notstromsysteme können Zeit gewinnen, sie kompensieren jedoch keine strukturellen Sicherheitsdefizite. Insbesondere dann nicht, wenn sie räumlich oder organisatorisch nicht ausreichend getrennt abgesichert sind.

Technik muss besser geschützt werden

Die Energieversorgung leidet in der Praxis unter mehreren strukturellen Faktoren:

  1. Geringe Sichtbarkeit für Betrieb und Öffentlichkeit
  2. Technische Zuschreibung statt strategischer Einordnung
  3. Trügerische Sicherheit durch vorhandene Redundanzen
  4. Unklare Zuständigkeiten zwischen Technik, Sicherheit und Management

Diese Kombination führt dazu, dass Risiken lange bestehen bleiben, ohne aktiv adressiert zu werden. Gerade weil die Energieversorgung im Alltag zuverlässig funktioniert, entstehen über Jahre feste Annahmen und Routinen, die selten grundlegend hinterfragt werden. Interne Bewertungen konzentrieren sich verständlicherweise auf technische Verfügbarkeit, Wartung und Normerfüllung. Sicherheitsaspekte – insbesondere im Hinblick auf böswillige Eingriffe, Sabotage oder gezielte Störungen – werden dabei häufig implizit als mit abgedeckt angenommen.

Eine externe Sicherheits-Bewertung ermöglicht einen unabhängigen Blick auf diese blinden Flecken. Sie ist nicht in bestehende Zuständigkeiten oder gewachsene Organisationsstrukturen eingebunden und kann Risiken an Schnittstellen zwischen Technik, Gebäude und Organisation sichtbar machen. Für Vorstand und Verantwortliche ist eine solche Analyse kein Ausdruck von Misstrauen, sondern verantwortungsvoller Unternehmensführung und eine belastbare Grundlage für strategische Entscheidungen zur Resilienz des Klinikums.

Gerhard Link, Leiter des FKT-Projektes Sicherheit im Gesundheitswesen und Sicherheitsberater