Aufzugnotruf in Eigenregie: Mit Campus-Lösungen Zeit und Kosten sparen

Die Einrichtung interner Aufzugnotrufzentralen verlangt Investitionen in Technik, Schulung und Organisation. Die Vorteile, die mit sogenannten Campus-Lösungen einhergehen, rechtfertigen unter Umständen diesen Aufwand. Mit Blick auf die anstehende 2G-Abschaltung bietet sich zudem ein günstiger Zeitpunkt, um die Notrufinfrastruktur grundlegend zu modernisieren.

Die Betriebssicherheitsverordnung schreibt vor, dass jeder Personenaufzug über ein Zwei-Wege-Kommunikationssystem verfügen muss. Der klassische Weg führt dabei zu einer externen Notrufzentrale, die rund um die Uhr erreichbar ist und im Ernstfall einen Techniker losschickt. Gerade in Kliniken stößt dieses Modell an seine Grenzen. Liegt ein Patient im festsitzenden Aufzug, weiß das eigene Klinikpersonal schlicht besser, welche Hilfe erforderlich ist – ob nun ein Arzt hinzugeholt werden muss oder ob es reicht, beruhigend auf einen verunsicherten Besucher einzureden. Hinzu kommt der Zeitfaktor: Der Umweg über eine externe Leitstelle kostet wertvolle Minuten, die in medizinischen Notfällen den Unterschied ausmachen können.

Das Prinzip der Campus-Lösung

Bei einer sogenannten Campus-Lösung landet der Notruf nicht bei einem externen Dienstleister, sondern bei einer hauseigenen Stelle – etwa der Pforte, dem Empfang oder einer Sicherheitszentrale, die ohnehin durchgängig besetzt ist. Das Konzept klingt simpel, die Umsetzung verlangt jedoch Planungsarbeit. „Manche Häuser betreiben fünf Aufzüge, andere mehr als hundert. Oft stammen die Anlagen von verschiedenen Herstellern, was eine herstellerneutrale Notruflösung erforderlich macht“, erklärt Thomas Wendel von Telegärtner Elektronik, der mit seinem Team bereits zahlreiche Campuslösungen installiert und betreut hat. Sein Fazit: „Es gibt keine Schablone, die man anlegen kann."

Die Beweggründe der Betreiber für eine Campus-Lösung variieren stark. Bei manchen dominiert der Kostenaspekt: Weil eine dauerhaft besetzte Pforte ohnehin vorhanden ist, fallen keine zusätzlichen Gebühren für externe Leitstellen an. Anderen geht es um die schnellere Reaktionszeit, immer mehr legen außerdem Wert auf die Kontrolle sensibler Informationen im eigenen Haus.

Cyber-Resilienz als unterschätzter Faktor

Die Cyber-Resilienz gewinnt in jüngster Zeit zunehmend an Bedeutung. Eine vollständig extern betriebene Notrufinfrastruktur birgt Angriffsflächen. Wer die Notrufkommunikation intern abwickelt, reduziert Schnittstellen nach außen und behält im Krisenfall die Kontrolle über ein kritisches System. Das ersetzt zwar keine umfassende IT-Sicherheitsstrategie, fügt sich aber als sinnvoller Baustein in ein Gesamtkonzept ein.

Technische Optionen: Analog, digital oder Mobilfunk?

Eine Campuslösung ermöglicht die flexible Integration weiterer Notrufeinrichtungen – etwa aus barrierefreien WC-Anlagen oder Parkhäusern. Bei der Übertragungstechnik stehen mehrere Wege offen: Kabelgebundene analoge Systeme sind die bewährte und auch künftig sichere Lösung. Sie arbeiten zuverlässig, sind unabhängig von Netzwerkinfrastruktur und bleiben auch langfristig eine tragfähige Wahl. Zu beachten ist jedoch, dass auch analoge Geräte eine Akkupufferung benötigen, um bei Stromausfall betriebsbereit zu bleiben.

Als zweite Option bietet sich die Mobilfunkvariante an, die vielfach als Standard eingesetzt wird – denn sie erfordert keinen Nebenstellenanschluss, spart damit Verkabelungsaufwand und senkt die Installationskosten spürbar.

Digitale IP-basierte Systeme über das Hausnetzwerk sind möglich, jedoch mit besonderen Anforderungen verbunden: Der gesamte Übertragungsweg muss lückenlos Notstrom-gepuffert sein, also nicht nur die Endgeräte, sondern auch alle aktiven Geräte im Netzwerk, z.B. Router und Switches. Hinzu kommt, dass IT-Abteilungen aus Gründen der Datensicherheit häufig keine externen Geräte im Unternehmensnetzwerk dulden, weshalb diese Variante in der Praxis oft nicht gewünscht ist.

Aufzugnotruf über 2G-Mobilfunk

Ungefähr die Hälfte aller Aufzüge in Deutschland überträgt Notrufe derzeit noch über das 2G-Mobilfunknetz. Telekom und Vodafone werden dieses Netz jedoch Mitte 2028 abschalten. Betreiber müssen also rechtzeitig auf Gateways mit 4G-Technik und Sprachübertragung über Voice over LTE (VoLTE) umrüsten. Der Zeitpunkt bietet gleichzeitig die Gelegenheit, das Notrufsystem auf den barrierefreien Zwei-Sinne-Notruf umzustellen, der akustische und optische Signale kombiniert und von mehreren Herstellern angeboten wird.

Backup-Strategien für den Ernstfall

Keine Campus-Lösung kommt ohne Rückfallebene aus. Ein definiertes Ersatzziel für Notrufe muss gemäß entsprechender Normen, u.a. EN 81-28 (Fern-Notruf für Personen- und Lastenaufzüge) vorhanden sein. Selbst wenn eine Klinik über eine permanent besetzte Zentrale verfügt, kann es Situationen geben, in denen der Notruf intern nicht entgegengenommen werden kann – sei es durch technische Störungen oder personelle Engpässe bei besonderen Ereignissen. Wendel betont: „Auch dort, wo eine dauerhaft besetzte Zentrale im Haus vorhanden ist, kann eine externe Ausweichzentrale als Backup fungieren, um eine redundante Aufzugnotruf-Lösung zu haben." Campuslösungen sollten flexibel zwischen internem und externem Betrieb wechseln können. Nachts oder an Feiertagen, wenn die hauseigene Besetzung ausgedünnt ist, leitet das System die Notrufe automatisch an eine externe Notrufzentrale weiter. So bleibt die Erreichbarkeit gewährleistet, ohne dass permanent eigenes Personal vorgehalten werden muss.

Regulatorischer Rahmen

Wer eine Campus-Lösung plant, muss sich durch einige Vorschriften arbeiten. Die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) bildet die Grundlage und schreibt das Zwei-Wege-Notrufsystem vor. Die Technische Regel für Betriebssicherheit 3121 (TRBS) regelt die Anforderungen an den Notdienst und dessen Qualifikation, während die europäische Norm EN 81-28 die Details zur Notrufeinrichtung und zum Beginn der Personenbefreiung festlegt. Besonders wichtig: Die Dokumentationspflichten zu Notrufbeginn und -ende müssen lückenlos eingehalten werden – unabhängig davon, ob intern oder extern.

Lohnt sich der Aufwand?

Für viele Kliniken rechnet sich die Umstellung auf eine eigene Aufzugnotrufzentrale: Die Befreiung eingeschlossener Personen erfolgt nachweislich schneller, die laufenden Betriebskosten sinken, und die Kontrolle über ein sicherheitskritisches System bleibt im eigenen Haus. Mit Blick auf die anstehende 2G-Abschaltung bietet sich zudem ein günstiger Zeitpunkt, um die Notrufinfrastruktur grundlegend zu modernisieren – und dabei gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Odo Hake, Leitung Marketing, Telegärtner Elektronik GmbH